Frühling und Gehirn: Warum diese Jahreszeit Ihre Energie als Führungskraft verändert

Frühling und Gehirn: Warum diese Jahreszeit Ihre Energie als Führungskraft verändert
Dr. med. Renate Mürtz-Weiss** – Ärztin, Business-Coach und Hypnotherapeutin mit fachlichem Schwerpunkt Gehirnforschung. Seit über 25 Jahren als Ärztin tätig (Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, ganzheitliche Medizin, Sportmedizin), seit über 10 Jahren als Coach und Trainerin für Resilienz, Burnoutprävention und gehirngerechte Führung – u. a. in Führungskräftetrainings, mit langjähriger Personalverantwortung und als freie Mitarbeiterin einer psychosomatischen Klinik. *Certified Practitioner of Applied Neuroscience* (Damir del Monte), *Master of Cognitive Neuroscience* (in Ausbildung); zertifiziert u. a. in Business-Coaching (BDVT), Positiver Psychologie (DGPP) und Hypnosystemischer Therapie (Dr. G. Schmidt).
IIn diesem Artikel:** Wie längeres Tageslicht über die innere Uhr auf Wachheit und Antrieb wirkt, warum Grün die Konzentration regeneriert, und drei konkrete Hebel, mit denen Führungskräfte den saisonalen Schub für ihr Team nutzen
Lesedauer: 4 Minuten · Veröffentlicht: 19.06.2026
Der unterschätzte Energieschub des Frühjahrs
Im Frühling verändert sich etwas in unserem Kopf. Längere Tage, mehr Tageslicht und der erste Grünschub wirken direkt auf die Systeme, die Wachheit, Stimmung und Antrieb steuern. Wer ein Team führt, kann diesen saisonalen Schub gezielt nutzen. In diesem Beitrag erkläre ich die Biologie dahinter und zeige drei konkrete Hebel, die in der Praxis sofort wirken.
Was im Gehirn passiert, wenn die Tage länger werden
Licht ist der wichtigste Taktgeber unserer inneren Uhr. Morgendliches Tageslicht erreicht über die Netzhaut den suprachiasmatischen Kern im Hypothalamus – die zentrale Schaltstelle des Tag-Nacht-Rhythmus. Die Folge im Frühling: Die nächtliche Melatonin-Ausschüttung verschiebt sich, der Serotonin-Stoffwechsel läuft anders, und viele Menschen wachen früher und mit mehr Antrieb auf.
Das erklärt, warum sich der Wechsel aus dem trägen Wintermodus oft schon nach wenigen sonnigen Tagen körperlich anfühlt: deutlich wacher, mit mehr Lust auf Gespräche und Bewegung. Es ist nicht nur ein Gefühl. Der Lichtreiz hat sich verändert, und der Körper reagiert.
Kurz gefragt: Warum hat man im Frühling mehr Energie?
Mehr Tageslicht synchronisiert die innere Uhr neu, verschiebt die Melatonin-Ausschüttung und beeinflusst den Serotonin-Haushalt. Das hebt Wachheit und Antrieb – unabhängig davon, ob man bewusst „mehr macht".
Warum Grün mehr ist als Dekoration
Der zweite Frühlingseffekt ist die Rückkehr von Grün. Hier hilft die Attention Restoration Theory der Umweltpsychologen Rachel und Stephen Kaplan: Naturreize beanspruchen unsere gerichtete Aufmerksamkeit kaum und lassen das überlastete Aufmerksamkeitssystem regenerieren. Nach Bildschirmarbeit ist ein Blick ins Grüne deshalb keine Pause „nebenbei", sondern aktive Erholung für die Konzentrationsleistung.
In dieselbe Richtung zeigt die Kreativitätsforschung. Eine vielzitierte Stanford-Studie von Oppezzo und Schwartz (2014) fand, dass Gehen die Produktion neuer Ideen gegenüber dem Sitzen deutlich erhöht – der Effekt hielt sogar nach dem Spaziergang noch an. Wer beim Gehen denkt, kommt zu anderen Ergebnissen.
Das ändert, was Sie mit dem Frühling machen können.
Drei Hebel für Führungskräfte – ab dieser Woche
1. Walking Meetings statt Sitzungsraum. Verlegen Sie Eins-zu-eins-Gespräche und Brainstormings nach draußen. Bewegung plus Umgebungswechsel löst Denkblockaden und verändert die Gesprächsqualität: weniger Statusspiele, mehr Offenheit. Geeignet für Feedback, Strategie-Vorgespräche und alles Kreative – ungeeignet für Themen, die einen Bildschirm oder Vertraulichkeit brauchen.
2. Tageslicht aktiv in den Tag bauen. Legen Sie eine Besprechung in einen lichtdurchfluteten Raum, machen Sie die Mittagspause zum Spaziergang, und schützen Sie die ersten Vormittagsstunden für die fokussierte Arbeit Ihres Teams. Viele Menschen verbringen über 90 % des Tages drinnen und unterschätzen, wie stark Lichtmangel die Energie drückt.
3. Biophilie ins Büro holen. Drei Feldexperimente von Nieuwenhuis et al. (2014) verbanden begrünte Arbeitsplätze mit höherem Wohlbefinden, besserer Konzentration und rund 15 % mehr Produktivität gegenüber dem kahlen Büro. Es braucht keine Renovierung: Pflanzen, eine Blickachse ins Freie und ein naturnaher Rückzugsort reichen als Einstieg.
Der eigentliche Führungspunkt
Gute Führung entsteht nicht nur über Strategie und Entscheidungen, sondern über die Bedingungen, unter denen Menschen arbeiten können. Der Frühling liefert dafür kostenlos die Biologie – Licht, Bewegung, Grün. Ihre Aufgabe ist nur, diese Reize in Routinen zu übersetzen, bevor der Sommer-Trott sie wieder verschluckt.
Und ja: Manchmal blitzt der Frühling nur kurz auf, bevor es wieder kalt wird. Aber er kommt. Veränderung beginnt selten laut – sie beginnt damit, dass jemand das Meeting nach draußen verlegt.
FAQ
Wirkt der Frühling bei allen gleich stark?
Sinn ist ein weiterer tragender Pfeiler. Wer ein Leben führt, das größer ist als das eigene Ich, und das als sinnvoll erlebt wird, geht anders mit Belastung um. Nicht leichter. Aber bewusster. Es entsteht eine andere Stabilität.
Im beruflichen Kontext zeigt sich das deutlich. Menschen wollen verstehen, wofür sie etwas tun. Gerade Führungskräfte unterschätzen manchmal, wie eng Sinn mit Motivation, Bindung und langfristiger Leistungsfähigkeit verknüpft ist. Ziele, die für uns und andere Bedeutung haben, geben Richtung. Sie helfen, in intensiven Phasen bei sich zu bleiben.
Zielerreichung: Erfolg bewusst gestalten und Zwischenziele feiern
Der fünfte Baustein ist die Zielerreichung. Gute Ziele zu setzen und zu erreichen, ist wichtig. Ziele geben Orientierung, schaffen Fokus, bündeln Energie. Sie übersetzen Wünsche in konkrete Schritte.
Entscheidend ist, wie wir mit Zielen umgehen. Werden sie zum permanenten Maßstab dafür, ob wir "genug" sind, verlieren sie ihre stärkende Wirkung. Werden sie sinnvoll gewählt, realistisch strukturiert und mit Zwischenetappen verbunden, stärken sie Motivation und Selbstwirksamkeit. Das bewusste Feiern von Zwischenschritten halte ich für besonders wertvoll. Es schafft Anerkennung für Entwicklung, nicht nur für das Endergebnis.
Glück als Leistungsfaktor in Führung und Sport
Das Streben nach Glück hat eine Wirkung in unserer persönlichen und professionellen Entwicklung, die mich immer wieder fasziniert. Ich meine damit ausdrücklich keine oberflächliche Vorstellung. Es geht nicht darum, ständig gut gelaunt zu sein oder Schwierigkeiten auszublenden. Es geht um etwas Substanzielleres: innere Stimmigkeit, Verbindung, eine klare Richtung – und die Fähigkeit, Leistung mit Menschlichkeit zu verbinden.
Genau darin liegt für mich die Stärke des PERMA-Modells. Wohlbefinden und Leistung müssen keine Gegensätze sein. Sie können sich gegenseitig stärken. Das macht Glück zu einem kraftvollen Verbündeten im Coaching – mit Wirkung auf individuelle Leistung, aber auch auf Teamgefüge, Führungskultur und Qualität der Zusammenarbeit.
PERMA Modell FAQ
Was ist das PERMA Modell nach Martin Seligman?
Das PERMA Modell stammt aus der positiven Psychologie und wurde von Martin Seligman entwickelt. Es benennt fünf zentrale Bausteine für Wohlbefinden und ein erfülltes Leben: positive Emotionen, Engagement, positive Beziehungen (Relationships), Sinn (Meaning) und Zielerreichung (Accomplishment). In meiner Arbeit mit Führungskräften und Sportlern nutze ich es, weil es Wohlbefinden alltagstauglich greifbar macht.
Wofür steht PERMA?
PERMA ist ein Akronym aus den englischen Begriffen:
- P = Positive Emotionen
- E = Engagement
- R = Relationships (positive Beziehungen)
- M = Meaning (Sinn)
- A = Accomplishment (Zielerreichung)
Warum ist das PERMA Modell wichtig?
Das Modell zeigt, dass Glück und Wohlbefinden kein Zufall sind. Sie lassen sich aktiv gestalten. Die fünf Bausteine machen deutlich, welche Faktoren Menschen langfristig stärken – persönlich, beruflich, im Miteinander. Im Coaching schafft das eine konkrete Arbeitsgrundlage statt einer vagen Vorstellung von "mehr Lebensqualität".
Wie lässt sich das PERMA Modell im Alltag anwenden?
Sehr gut – und ohne großen Aufwand. Konkrete Ansatzpunkte sind: bewusste Dankbarkeit, der Einsatz eigener Stärken, das Pflegen guter Beziehungen, sinnvoll gewählte Ziele und das Feiern kleiner Erfolge. Schon kleine, regelmäßige Veränderungen können das Wohlbefinden spürbar verändern. Wichtig ist die Konstanz, nicht die Größe der einzelnen Schritte.
Welche Rolle spielt das PERMA Modell im Beruf?
Im Berufskontext fördert das Modell Motivation, Resilienz, Zusammenarbeit und Zufriedenheit. Für Führungskräfte ist es besonders hilfreich, weil es zeigt, wie Leistung und Wohlbefinden gemeinsam gestärkt werden können – ohne dass eines auf Kosten des anderen geht. In Teams sehe ich die größten Effekte, wenn Beziehungskultur und Sinnklarheit zusammen adressiert werden.
Ist das PERMA Modell nur für Führungskräfte geeignet?
Nein, es richtet sich an alle. Anwendbar ist es im Coaching genauso wie im Privatleben, im Sport, in Teams und in Unternehmen. Seine Stärke liegt in der Vielseitigkeit und Alltagstauglichkeit.
Glück nicht dem Zufall überlassen
Glück ist kein Zufallsprodukt. Es ist ein zentrales Element unseres Lebens – und damit auch unseres Erfolgs. Wer Glück im Sinne von Erfüllung, Sinn, Beziehung, Engagement und Entwicklung versteht, erkennt schnell: Hier geht es nicht um weniger Leistung, sondern um eine bessere Grundlage für Leistung.
Das ist vielleicht die entscheidende Perspektive am Welttag des Glücks. Die Frage ist nicht, ob Glück im leistungsorientierten Alltag Platz haben darf. Die Frage ist, ob nachhaltige Leistung ohne diese Dimension überhaupt langfristig tragen kann. Meine Erfahrung im Coaching sagt: meistens nicht.
Freude, Sinn, Verbundenheit und Zielklarheit sind keine Nebensachen. Sie gehören zum Fundament eines starken, gesunden und erfolgreichen Lebens.
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